Materialien für den hausärztlichen Einsatz (RAI)
         
Gesundheit
RAI
2015 - 2018
• Unterstützung Fragebogenentwicklung

• Narrative Interviews

• Shadowing/Beobachtung

• Analysen nach Mayring

• Aggregation der Barrieren

• Konzeption der Medien

• Entwicklung und Gestaltung

• Programmierung

• Text

• Produktionshandling

• Designmanagement

RAI steht für „Rationaler Antibiotikaeinsatz durch Information und Kommunikation“.
Es ist ein Basisprojekt des Konsortiums InfectControl 2020 (die Lindgrün GmbH ist einer der Konsortialpartner) im Rahmen der Fördermaßnahme „Zwanzig20 – Partnerschaft für Innovation“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. RAI zeichnet sich dadurch aus, dass sich sektorenübergreifend Human- und Tiermediziner gemeinsam mit Designern und Kommunikationsexperten in einem Projektverbund dem Thema Antibiotikaeinsatz und Resistenzentwicklung in Deutschland (neue Bundesländer) widmen. Ziel ist es, durch die sektorenübergreifende Förderung eines rationalen Einsatzes von Antibiotika der Zunahme von multiresistenten Erregern gemeinsam entgegenzuwirken.

Beteiligte RAI-Projektpartner sind: die Charité als Verbundkoordinator (Institut für Hygiene und Umweltmedizin), die Freie Universität Berlin (Institut für Mikrobiologie und Tierseuchen sowie Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft), das Robert Koch-Institut, das Universitätsklinikum Jena (Zentrum für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene sowie Institut für Allgemeinmedizin) und das Design-Büro Lindgrün GmbH.

Die weltweite Zunahme multiresistenter Erreger (MRE) hat mittlerweile zahlreiche nationale und internationale Initiativen zur Förderung eines rationalen Antibiotikaeinsatzes auf den Plan gerufen. In Deutschland konzentrieren sich Fortbildungsmaßnahmen bisher vor allem auf den stationären Bereich. Dies trägt aber nur einem Teil des Problems Rechnung, denn 85 % der Antibiotika in der Humanmedizin werden von niedergelassenen Ärzten verschrieben. Hinzu kommt der Einsatz im Haus- und Nutztierbereich.

Im Verbundvorhaben RAI (Rationaler Antibiotikaeinsatz durch Information und Kommunikation) haben sich deshalb Tiermediziner, Allgemeinmediziner, Infektiologen, Hygieniker und Epidemiologen mit Designexperten und Kommunikationswissenschaftlern zusammengeschlossen, um den verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika transsektoral zu verbessern. Die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Berufsgruppen fördert die Entwicklung neuer Ideen jenseits gegenseitiger Schuldzuweisungen. Übergeordnetes Ziel war die Entwicklung von innovativen Informations- und Kommunikationstools, die zielgruppenspezifisch Probleme in der Anwendung von Antibiotika adressieren. Dazu wurden drei Schwerpunktbereiche zur Intervention definiert: Hausarztpraxen, Intensivstationen und Schweine haltende Betriebe.

„Es gibt ein ständiges Sicherheitsbedürfnis. Bevor der Patient möglicherweise eine Infektion bekommt, wird ihm ein Antibiotikum verabreicht. Dies ist aus der Perspektive des behandelnden Chirurgen verständlich. […] Dass es für die Allgemeinheit ein Problem darstellt, da wieder ein kleiner Beitrag dazu geleistet wird, dass das eingesetzte Antibiotikum möglicherweise irgendwann nicht mehr wirkt, wird dann auch mal ausgeblendet. Der Arzt ist in der Situation emotional ganz anders involviert.“
Chefarzt Anästhesie und Intensivmedizin im Rahmen der qualitativen Erhebung im Jahr 2015.


Was dieser Chefarzt einer Intensivstation beschreibt, ist eine der Barrieren, die den rationalen Antibiotikaeinsatz erschweren können – in diesem Fall ein hohes Sicherheitsbedürfnis. Grundsätzlich bewegen sich Ärzte, sowohl aus der Human- als auch der Tiermedizin, im Spannungsfeld zwischen evidenzbasierten Empfehlungen, dem eigenen Sicherheitsbedürfnis und dem Wohl des Patienten oder des Tieres.



Diese und viele andere Barrieren des rationalen Umgangs mit Antibiotika wurden im Rahmen des Forschungsprojekts RAI sektorenübergreifend analysiert. Durch einen Methodenmix aus quantitativen und qualitativen Erhebungen konnten Wissenslücken und Schwierigkeiten im Umgang mit Antibiotika erkannt werden, beispielsweise bei der Allgemeinbevölkerung. So meinen 58 % der über 1000 befragten Erwachsenen, dass ihr eigenes Verhalten bei der Verwendung von Antibiotika keinerlei Auswirkungen auf die Resistenzentwicklung habe. Unter den befragten Tierärzten geht fast jeder zweite davon aus, dass sein Verordnungsverhalten die Resistenzsituation in der Region nicht beeinflusse. Viele Hausärzte verschreiben kurz vor dem Wochenende vermehrt Antibiotika ohne eindeutige Indikation – aus Sorge um das Wohl des Patienten.

Ungefähr ein Drittel der befragten Intensivmediziner gab an, dass ihnen eine klinisch oder an Laborwerten orientierte Deeskalation der initialen Kombinationstherapie zu unsicher sei. Doch auch Wissensdefizite zur mikrobiologischen Wirkweise von Antibiotika wurden von den Interviewpartnern im Rahmen der qualitativen Erhebungen angegeben. Die Informationsverluste an den krankenhausinternen kommunikativen Schnittstellen (z. B. Tag-/Nachtschicht) und den externen Schnittstellen (z. B. zum Zuweiserkrankenhaus) thematisierten in den narrativen Interviews vor allem Assistenz- und Oberärzte. Die Heterogenität der Patientenakten – der Einsatz von digitalen und analogen Patientenakten und die damit verbundene Übertragung der Inhalte – wurde als Fehlerquelle bzw. als Risiko des Verlusts relevanter Informationen zur Antibiotikaverordnung angeführt. Einige Interviewpartner äußerten sich zudem kritisch über fehlende Transparenz hinsichtlich der Resistenzdaten sowohl intern im eigenen Krankenhaus/auf Station als auch extern durch andere (Zuweiser-)Krankenhäuser.

Alle Befragungsergebnisse, ob aus der hausärztlichen Praxis oder bei prospektiven Patienten, aber auch rund um das Thema Veterinärmedizin und Schweinehaltung, zeigen: Auf Seiten der Verschreibenden und der Anwender von Antibiotika gibt es Verhaltensweisen, die einen rationalen Antibiotikaeinsatz erschweren.

In einem Punkt waren sich alle Teilnehmer der Befragungen einig: Das Thema Antibiotikaresistenzen ist von hoher Relevanz. Und so scheint die Bereitschaft, entsprechend zu handeln, groß zu sein.



An den ermittelten Barrieren setzte die Entwicklung der Interventionsmaßnahmen an. Sowohl Lücken im Wissen als auch prozessbedingte Barrieren des Alltags wurden berücksichtigt. Ausgeschlossen aus der Entwicklung der Interventionsmaßnahmen wurden systembedingte Barrieren, die in den Strukturen von Verwaltung und Gesetzgebung im Gesundheitswesen verankert sind.




Was wurde umgesetzt?
Chirurgische und intensivmedizinische Stationen: Train-the-Trainer, Multiplikatoren schulen
„Die beste Fortbildung seit Langem zur rationalen Antibiotikatherapie.”

Teilnehmer der Fortbildung: intensivmedizinischer Oberarzt.
Im stationären Bereich verfolgt die Intervention einen Train-the-Trainer-Ansatz. Ärzte und Ärztinnen mit Leitungs- bzw. Fortbildungsverantwortung auf einer Intensivstation oder in einer chirurgischen Abteilung werden gemeinsam zu wichtigen Aspekten des Antibiotic Stewardship (ABS) fortgebildet. Dazu wurde der Algorithmus ARAT entwickelt – „Algorithmus Rationale Antibiotika Therapie” –, entlang dessen das Zentrum für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene des Universitätsklinikums Jena unter der Leitung von Prof. Mathias Pletz eine kostenfreie sechsstündige CME-zertifizierte Veranstaltung anbot. Die Teilnehmer bekommen zudem den ARAT, das Konzept und Materialien (z. B. einen zusammenfassenden Foliensatz für eine 30-minütige Schulung der Mitarbeiter) an die Hand. 



Im Zentrum der Schulung steht der Algorithmus Rationale Antibiotikatherapie (ARAT) für die Intensivstation, der im Stationsalltag die wichtigen Eckpunkte einer ABS-konformen Antibiotikatherapie immer wieder ins Bewusstsein rufen soll. In der Chirurgie liegt der Fokus auf der Optimierung der perioperativen Prophylaxe.



Mithilfe einer zweimaligen Punkt-Prävalenz-Erfassung auf den jeweiligen Stationen wird der Erfolg der Maßnahmen überprüft und der Einsatz von Antibiotika im Stationsalltag reflektiert. Die angebotenen Fortbildungen waren innerhalb kürzester Zeit ausgebucht. Aufgrund der starken Nachfrage sind weitere Termine geplant. Bei Interesse können Sie sich an Frau Dr. Oliwia Makarewicz wenden: oliwia.Makarewicz {at} med.uni-jena.de
  • Intensivmedizin und Chirurgie: Wenn ein Algorithmus zum Logo wird
  • Studie: Nutzerzentrierte Methoden aus dem Service Design als Forschungsansatz im Gesundheitswesen
„Umgang mit Antibiotika und Resistenzen im Krankenhaus auf Intensivstationen und in der Chirurgie”


Intervention Hausarztpraxen
Der Schwerpunkt der geplanten Intervention in Hausarztpraxen liegt auf akuten Atemwegsinfektionen und der Erleichterung der Arzt-Patienten-Kommunikation zu diesem Thema. Dieses Teilprojekt wird gemeinsam vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Charité und dem Institut für Allgemeinmedizin des Universitätsklinikums Jena betreut. Mehrfach angeboten wird eine zweistündige Fortbildungsveranstaltung für Allgemeinmediziner und hausärztlich tätige Internisten.

Im Zentrum der Intervention steht der sogenannte Infozept-Generator, ein internetbasiertes Tool, das dem Hausarzt die Möglichkeit bietet, mit wenigen Mausklicks personalisierte Patienteninformationen in vier Sprachen rund um das Thema Atemwegsinfektionen zu erstellen (Symptomerläuterungen, Handlungsempfehlungen, Stellenwert von Antibiotika u. a.). Alternativ stehen vorgefertigte gedruckte Formate zur Verfügung, die wie ein klassisches Rezept anstelle einer Verordnung eingesetzt werden können. Ergänzt werden die Materialien durch Wartezimmerinformationen für Erkältungspatienten und durch eine Handy-App zum Selbstmonitoring der Antibiotikaverschreibungsrate für den Arzt.
  • Hausärzte und Patienten: Reduzierung der Antibiotikaverschreibungen durch Information: der Infozept-Generator
  • Hausärzte: Beobachtung des eigenen Verschreibungsverhaltens als erster Schritt zum rationalen Antibiotikaeinsatz: das RAI-TapTool
  • Position: Die freie Wahl – Informationspyramide als Grundlage der Entwicklung von Medien für die Arzt- Patienten-Kommunikation


Der Schweine Cast für Tierärzte und Schweine haltende Landwirte
Tierärzte und Schweinehalter sind viel unterwegs – von Stall zu Stall oder auf den Agrarflächen. Für dieses spezielle Arbeitsumfeld wurden Podcasts zum Thema rationaler Antibiotikaeinsatz für Tierärzte und Landwirte mit dem Schwerpunkt Schwein und Schweinehaltung entwickelt – in Form einer moderierten Diskussion zwischen Wissenschaftlern und Praktikern. Der Schweine Cast bringt aktuelle und praxisorientierte Informationen zum zielgerichteten Antibiotikaeinsatz und zu Antibiotikaresistenzen „zwischen die Ohren“. Sowohl der hohe Gesundheitsstand der Zuchtsauen, Schweine und Ferkel als auch die Überschaubarkeit der Kosten stehen im Fokus. Durch den gezielten Einsatz von Antibiotika können Tierärzte und Unternehmen der Schweinehaltung dazu beitragen, die Allgemeinheit, ihre Familie, Kinder und letzten Endes auch sich selbst zu schützen. Die im Schweine Cast angesprochenen Fragen werden in begleitenden Infobroschüren vertieft. Diese Broschüren bieten komprimiertes Hintergrundwissen zu der jeweiligen Podcast-Folge und bereiten es grafisch anschaulich auf.
Nach einer zwölfmonatigen Interventionsphase wird der Effekt der verschiedenen Maßnahmen anhand von Antibiotikaverordnungs- und Resistenzdaten sowie Fragebögen evaluiert. Erweist sich das Modellprojekt als erfolgreich und wird der rationale Einsatz von Antibiotika dadurch gefördert, sollen die Interventionsmethoden und Materialien bundesweit freigegeben werden.

Sie interessieren sich für den Schweine Cast, die Fortbildungen für Intensivmediziner und Chirurgen oder für die Materialien der hausärztlichen Praxis? Unter www.rai-projekt.de finden Sie weiterführende Informationen und die Kontaktdaten der jeweiligen Ansprechpartner.
  • Tierärzte & Landwirte: Informationsvermittlung jenseits von Schuldzuweisungen: Der Schweine Cast
  • Tierärzte & Schweine haltende Landwirte: Broschüren zum Schweine Cast – Wissen zwischen die Ohren


Die Lindgrün GmbH wurde im Rahmen einer öffentlichen Ausschreibung damit beauftragt, die methodologische Konzeption, die qualitativen Erhebungen, das Designmanagement sowie die nutzerzentrierte und szenariobasierte Entwicklung und Herstellung der Interventionstools durchzuführen. Sämtliche medizinisch-wissenschaftlichen Inhalte der entwickelten Medien werden von den jeweiligen medizinisch-wissenschaftlichen Projektpartnern verantwortet.

Einen Dank an das gesamte Team von RAI. Ohne die enge und intensive Zusammenarbeit wäre keines der entwickelten Medien auf diesem hohen Niveau entstanden.





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